25.01.2026 – „Wirtschaftsinformatik ist kein Fach für „Technikgenies“, sondern für Menschen, die Dinge verbessern, gestalten und verstehen wollen“ – die Sicht eines Hochschulprofessors auf das neue Berufliche Gymnasium Wirtschaftsinformatik an der BBS am Museumsdorf
Die BBS am Museumsdorf startet zum Schuljahr 2026/2027 als erste Schule in Niedersachsen das neue Berufliche Gymnasium Berufliche Informatik mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik. Anlässlich dieser Neuerung hat die Schule ein Interview mit Prof. Dr. Benjamin Weinert von der Hochschule Osnabrück geführt.
BBS: Herr Prof. Dr. Weinert, könnten Sie sich kurz vorstellen – was ist Ihr fachlicher Hintergrund, woran arbeiten Sie aktuell und was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet besonders?
Prof. Dr. Weinert: Ich bin seit 2024 Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Osnabrück am Campus Lingen. Ich beschäftige mich damit, wie digitale Technologien genutzt werden können, um Arbeitsprozesse in und zwischen Unternehmen besser, effizienter und nachhaltiger zu gestalten.
Aktuell arbeite ich unter anderem in einem Projekt namens SustainChain. Dort geht es darum zu verstehen, wie sich Daten in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion nutzen lassen, um zum Beispiel den CO₂-Fußabdruck von Produkten wie Milch oder Fleisch digital nachvollziehbar zu machen. Ziel ist es, Betrieben zu zeigen, wie Digitalisierung dabei helfen kann, nachhaltiger zu wirtschaften – und zwar ganz praktisch im Alltag.
Mich fasziniert an meinem Fachgebiet, dass Digitalisierung nur dann sinnvoll ist, wenn sie echte Probleme löst und Menschen oder Betriebe weiterbringt. Genau dafür forschen wir am Campus in Lingen.
BBS: Wie würden Sie Wirtschaftsinformatik jemandem erklären, der bisher wenig Berührung damit hatte – etwa einem Jugendlichen, der noch unsicher ist, wohin die eigene berufliche Reise gehen könnte?
Prof. Dr. Weinert: In der Wirtschaftsinformatik geht es darum, Arbeitsweisen in Unternehmen durch digitale Lösungen gezielt zu unterstützen. Ziel ist es, den Arbeitsalltag einfacher, effizienter und oft auch kostengünstiger zu machen. Digitalisierung begegnet uns dabei ständig im Alltag – beim Online-Banking, beim Bezahlen mit dem Smartphone oder beim Bestellen im Internet. Auch im Supermarkt läuft vieles digital im Hintergrund: Kassensysteme, Warenbestände oder Lieferketten werden automatisch gesteuert, ohne dass wir das bewusst wahrnehmen. Genau diese „unsichtbare Digitalisierung“ gibt es heute in praktisch jedem Betrieb. Die Wirtschaftsinformatik sorgt dafür, dass solche Technologien sinnvoll eingesetzt werden und moderne Werkzeuge wie Künstliche Intelligenz in die Abläufe passen und echten Nutzen bringen.
BBS: Wir führen derzeit ein neues Berufliches Gymnasium mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik ein. Was macht dieses Angebot aus Ihrer Sicht besonders innovativ und zeitgemäß?
Prof. Dr. Weinert: Die im Beruflichen Gymnasium vermittelten digitalen Kompetenzen sind aus meiner Sicht das kleine Einmaleins in der Wirtschaft. Praktisch jedes Unternehmen – egal ob im Handel, in der Industrie, im Gesundheitswesen oder in der Verwaltung – arbeitet digital. Wer versteht, wie solche Systeme funktionieren und eingesetzt werden, hat im späteren Berufsleben klare Vorteile. Das Gymnasium wird genau diese Grundlagen vermitteln und schafft damit gute Voraussetzungen für eine breite Palette an Studien- und Ausbildungswegen in einer sich immer mehr digitalisierenden Welt.
BBS: Das neue Fach verknüpft Management, IT-Systeme und gesellschaftliche Fragestellungen. Warum ist genau diese Schnittstelle so relevant für die digitale Transformation unserer Gesellschaft?
Prof. Dr. Weinert: In der Wirtschaftsinformatik sprechen wir von der Dreifaltigkeit: Mensch – Technik – Aufgabe. Nur die Betrachtung von Technik greift zu kurz. Digitale Lösungen müssen zu den Arbeitsabläufen passen. IT-Systeme können nur gezielt in einem Unternehmen eingesetzt werden, wenn verstanden wird, wie das Unternehmen sich organisiert und funktioniert. Gesellschaftliche Fragestellungen zeigen uns, welche Werte, Regeln und Erwartungen zum Beispiel beim Umgang mit persönlichen Daten eine Rolle spielen und bilden so die „Leitplanken“ für den Technologieeinsatz.
BBS: Die Inhalte des neuen Faches reichen von ERP-Systemen über digitale Geschäftsmodelle bis hin zu Datenanalyse und Künstlicher Intelligenz. Wie bewerten Sie diese Breite – und welche inhaltlichen Schwerpunkte halten Sie für besonders wirkungsvoll?
Prof. Dr. Weinert: Die Breite ist wichtig, um alle Facetten der Wirtschaftsinformatik kennenzulernen und sich im Laufe des Beruflichen Gymnasiums darüber im Klaren zu werden, welche Schwerpunkte man persönlich im weiteren Berufsleben setzen möchte. Zudem stehen die genannten Aspekte wie ERP, Geschäftsmodelle, KI nie für sich alleine. KI kann in einem ERP-System eingesetzt werden, um das Geschäftsmodell / die Geschäftsprozesse eines Betriebs zu unterstützen. Da sind wir direkt wieder im Dreiklang „Mensch – Aufgabe – Technik“. Aus meiner Sicht ist es wichtig, das Zusammenspiel zu verstehen. Dafür bildet die thematische Breite eine sehr gute Grundlage.
BBS: Ein zentrales Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, digitale Prozesse nicht nur zu verstehen, sondern auch aktiv mitzugestalten. Warum sind solche gestaltungsorientierten Kompetenzen heute so entscheidend?
Prof. Dr. Weinert: Gestalten kann nur, wer versteht, wie etwas funktioniert. Bei der Digitalisierung geht es deshalb nicht nur ums Anwenden, sondern insbesondere ums Mitdenken und Weiterentwickeln – und genau das eröffnet Zukunftschancen.
BBS: Neben dem Fachlichen geht es auch um personale Kompetenzen: Teamarbeit, Modellierungsfähigkeit, Abstraktionsvermögen – und der sichere Umgang mit modernen digitalen Tools. Wie wichtig sind diese „zusätzlichen“ Kompetenzen aus Ihrer Sicht – auch mit Blick auf Studium und Beruf?
Prof. Dr. Weinert: Im Studium und im späteren Beruf wird vieles im Team organisiert, digital unterstützt und komplexer gedacht. Auf gut Deutsch: Wer das kann, hat es deutlich leichter – wer es nicht kann, tut sich schwer. Deshalb lohnt es sich, diese Fähigkeiten früh zu trainieren.
BBS: Mit dem Besuch des Beruflichen Gymnasiums Wirtschaftsinformatik erwerben Schülerinnen und Schüler die Allgemeine Hochschulreife – sie können also grundsätzlich alles studieren. Welche besonderen Stärken oder Anschlussmöglichkeiten sehen Sie mit Blick auf den Bereich Wirtschaftsinformatik – sei es im Studium oder im Beruf?
Prof. Dr. Weinert: Die Nachfrage nach Menschen, die Digitalisierung verstehen und anwenden können, steigt seit Jahren – egal ob im Handel, in der Industrie, in der Verwaltung, im Agrifood-Sektor, im Energiesektor oder im Gesundheitswesen. Mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik hat man dafür eine ausgezeichnete Ausgangsbasis, weil man nicht nur Anwendungen bedienen, sondern Prozesse, Daten und technische Systeme einordnen kann. Für uns an der Hochschule Osnabrück ändert sich mit Absolventinnen und Absolventen des BG Wirtschaftsinformatik auch etwas: Das Vorwissen der Studierenden steigt. Das ermöglicht uns, auch schon in früheren Semestern tiefer in die einzelnen Fachthemen einzusteigen.
BBS: Abschließend: Was möchten Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, die Wirtschaftsinformatik neu für sich entdecken – sei es in der Schule oder darüber hinaus?
Prof. Dr. Weinert: Haben Sie Vertrauen in Ihre Fähigkeiten und unterschätzen Sie sich nicht. Wirtschaftsinformatik ist kein Fach für „Technikgenies“, sondern für Menschen, die Dinge verbessern, gestalten und verstehen wollen. Das Fach eröffnet viele Wege – man muss sie nur ausprobieren.
Bild: Prof. Dr. Benjamin Weinert, Hochschule Osnabrück, Fakultät Management, Kultur und Technik: Wirtschaftsinformatik, insb. IT-Unternehmensarchitektur
[Bildquelle: Hochschule Osnabrück; https://www.hs-osnabrueck.de/forschung/strukturen/forschungsschwerpunkte/nachhaltige-technologien-und-prozesse/kontakte/]






